Und du siehst fern

Der zwölfte August
12.Ein Tag wie jeder andere.
Das dachte ich.
Als ich das Frühstück machte.
Und unserer Tochter den Kakao hinstellte.
Sie hat ihn getrunken.
Wie jeden Tag.
Mich angelacht.
Und mich zum Abschied geküsst.
Ein Tag wie jeder andere.
An dem du deinen Kaffee geschlürft hast.
Schwarz und ohne Zucker.
Du hast im Sportteil der Zeitung geblättert.
Und du hast ihr gewunken.
Unserer Tochter.
Als sie am Fenster vorbei ging…
Ein Tag wie jeder andere.
An dem ich den Geschirrspüler ausräumte.
Später.
Und das Telefon klingelte.
Ein wenig früh.
Aber kaum erstaunlich…
Ein Polizist meldete sich.
Und was er mir sagte.
Machte diesen Tag anders.
Ganz anders.
Als all die anderen Tage.
Unser Kind.
Es war überfahren worden.
Und keine Macht der Welt.
Würde unsere Kleine zurückbringen…
Keine Macht…

Kein Tag mehr.
Wie jeder andere.
Der Schmerz.
Unbeschreiblich.
Er hat uns stumm gemacht.
Stumm nach außen.
Stumm für uns selber.
Wir haben geweint.
Als wir ins Spital fuhren.
Wo sie gestorben war.
Wir haben geweint.
Beim Begräbnis.
Und ich weiß noch.
Ich konnte nicht reden.
Nicht mehr.
Meine Gedanken.
Ein Bündel aus Fäden.
Ineinander verknotet…
Wir haben geweint.
Aber jeder für sich.
Und wir konnten nie sprechen.
Über diesen Tag.
Über diesen furchtbaren Tag.
Der unser Leben änderte.
Zerstörte…

Wir reden nicht.
Wir schweigen.
Über Belangloses.
Über das Wetter.
Und über die Innenpolitik…
Manchmal.
Da sagst du.
Dass der Kuchen besonders gut schmeckt.
Und ich nicke.
Und tue so.
Als ob es mich freut…
Und später.
Da kümmere ich mich um die Wäsche.
Und du siehst fern.
Die Sportschau läuft.
Ich sehe in den Spiegel.
Meine Haare.
Sie sind grau geworden.
Als hätte es darauf geschneit.
So kommt es mir vor.
Aber dieser Winter.
Er wird nie mehr gehen…
Nie mehr…
Ich gehe ins Schlafzimmer.
Lege mich hin.
Und du siehst fern.
Und ich höre die Stimmen.
Bis in meinen traumlosen Schlaf…

Vivienne

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