Friedhelm

Bernd wälzte sich im Bett.
Ein Blick auf den Radiowecker.
00:43 Uhr…
Er stöhnte kurz.
Drehte sich wieder weg von der Fensterseite…
Bernd?
Die Stimme seiner Frau ließ ihn hochschrecken.
Sybilla klang schlaftrunken.
Sie dreht das Licht auf.
Schläfst du nicht?
Bernd schüttelte den Kopf.
Nein.
Ich weiß nicht.
Dabei wäre ich echt müde.
Das war gelogen.
Er war hellwach.
Und sein Herz raste…
Sybilla klang besorgt.
Bist du krank?
Bernd schüttelte den Kopf.
Hastig.
Dann stand er auf.
Er wollte sich hier nicht unterhalten.
Nicht mit seiner Frau.
Nicht über seine Schlaflosigkeit.
Leg dich wieder hin!
Ich werde eine Runde gehen.
Um den Block.
Mir die Füße vertreten.
Dann werde ich schon einschlafen können…
Sybilla gähnte.
Aber pass auf!
Man weiß ja nicht.
Wer um die Zeit unterwegs ist…

Bernd sog heftig an der Zigarette.
Er saß in einer Kneipe.
Ein Bier vor sich.
Und er rauchte.
Das erste mal seit Jahren.
Nach der Geburt der Kinder.
Da hatte er aufgehört.
Kostet doch nur Geld!
Hatte er damals gesagt.
Und außerdem.
Er war ein verantwortungsvoller Vater!
Müde war er noch immer nicht.
Trotz des Biers.
Er hatte immer die gleiche Szene vor Augen.
Gestern Mittag.
Als er aus dem Lokal kam.
Wo sie gegessen hatten.
Er und ein paar Kollegen.
Da lief ihm jemand quasi in die Arme.
Und er hatte ihn wieder erkannt.
Sofort.
So wie der ihn.
Friedhelm…
Hallo.
Friedhelm hatte ihn angesehen.
Und es hatte ihn getroffen.
Als wäre es erst gestern gewesen.
Oder letzte Woche.
Seine Knie wurden weich.
Und der Mund trocken…
So ein Zufall!
Er hatte wie ein Idiot gestottert.
Friedhelm hatte gelächelt.
Schön dich zu sehen…
Die Kollegen hatten ihn, Bernd, angeblickt.
Etwas erstaunt.
Er musste reagieren.
Drückte Friedhelm die Hand.
Nickte ihm zu.
Klopfte ihm auf die Schulter.
Faselte Unverbindliches…

Bernd hatte sich wieder eine Zigarette angezündet.
Besonders glücklich hatte er nicht gewirkt.
In dieser Situation.
Ein Schulfreund!
Hatte er den Kollegen danach erzählt.
Er hatte sich wieder unter Kontrolle.
Wir waren in derselben Klasse.
Zufälle gibt’s…
Nach über zwanzig Jahren!
Stellt euch vor!
Bernd nahm einen großen Schluck Bier.
Ob sie ihm geglaubt hatten?
Friedhelm…
Er war kein Schulkollege gewesen.
Nein.
Friedhelm hatte nie ein Gymnasium gesehen.
Von innen zumindest…
Friedhelm lebte in derselben Straße.
Wie er, Bernd, damals.
Nur halt nicht so nobel…
Friedhelm hatte keinen Vater.
Seine Mutter nur Gelegenheitsjobs.
Und jede Woche einen neuen Freund…
Bernd sah sich um im Lokal.
War nicht viel los.
Wie war das damals nur gekommen?
Dass er begonnen hatte?
Sich rumzutreiben?
Mit Friedhelm?
Er wusste es nicht mehr.
Nicht mehr genau.
Aber irgendetwas an dem Burschen.
Drei oder vier Jahre älter als er…
Das hatte ihn fasziniert…

Bernd sah auf seine Uhr.
Fast 03:00 Uhr.
Schlafen würde er wohl nicht mehr viel.
In dieser Nacht…
Ob er sich krank melden sollte?
Er versank in Erinnerungen…
Friedhelm…
Mit den stahlblauen Augen.
Und diesem unwiderstehlichen Lächeln…
Wie ein Pirat hatte Friedhelm ausgesehen.
Genau wie ein Pirat.
Friedhelm hatte ihm gezeigt.
Wie man raucht.
Bernd musste lachen!
Er hätte sich damals beinahe angekotzt.
Das Geheimnis verband sie.
Sie trafen sich öfter.
Um zu rauchen.
Um zu reden…
Er war so fasziniert gewesen von ihm.
Für diese Treffen riskierte er daheim einiges.
Ohrfeigen.
Strafen.
Predigten.
Wenn er im Bett lag.
Träumte er von Friedhelm.
Von den nächsten Treffen…
Noch ein Bier?
Der Kellner blickte ihn gleichmütig an.
Bernd nickte…

Einmal im Sommer.
Da waren sie an den Weiher gefahren.
Mit ihren Rädern.
Es war schwül gewesen.
Ein Gewitter lag in der Luft.
Sie rauchten wieder.
Und lachten.
Und plötzlich küsste Friedhelm ihn.
Ein wenig rau.
Er schmeckte nach Tabak.
Und dann fiel Friedhelm über ihn her.
Zog ihm die Hose herunter…
Riss ihm das Hemd auf…
Ungeheuerlich…
Bernd hatte die Hände verschränkt.
Es war unerhört gewesen.
Friedhelm.
Er hatte ihn vergewaltigt.
Irgendwie schon.
Irgendwie nicht.
Und er, Bernd.
Er hatte jede Sekunde genossen.
Es war der reine Wahnsinn gewesen!
Das sagte er sich auch jetzt noch.
Schwitzend in der Erinnerung.
Und erregt.
Einfach abgefahren…!

Bernd zahlte.
Nie hatte jemand davon erfahren.
Von diesen heimlichen Treffs.
Leidenschaft.
Und Liebe.
Bis Friedhelm weg war.
Eines Tages.
Mit einem anderen Kerl…
Bernd atmete schwer.
Er war siebzehn gewesen.
Zutiefst verwirrt.
Und hatte sich gefangen.
Weil ihm nichts anderes übrig blieb.
Schule.
Abitur.
Und das erste Mädchen…
Nach dem Studium hatte er Sybilla geheiratet.
Drei Kinder.
Und sie hatte nichts geahnt.
Nie!
Wie verlogen er doch war!
Nicht wahr?
Feige und verlogen!
Und sein bürgerliches Leben.
Das war nur auf Sand gebaut.
Das wusste er.
Seit gestern Mittag…

Vivienne

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