Föhn

Kopfschmerz holt mich in den Tag.
Die Sonne blinzelt zwischen den Jalousien durch.
Frühling im Jänner.
Föhn.
Und ich greife nach den Schmerztabletten…
Später schlürfe ich Kaffee.
Obwohl ich weiß.
Ich sollte es bleiben lassen.
Er fördert nur meinen Kopfschmerz…
Später spaziere ich durch die Straßen.
Verwaschenes Graubraun vor der Villa.
Der schmale Wiesenstreif zeigt noch kaum Grün…
Baumgerippe.
Erschreckend kahl.
Aber da und dort Vogelstimmen.
Rührige Sänger, die dem Grau trotzen…
Es ist recht warm.
Aber die Sonne hat sich wieder versteckt.
Vielleicht verschreckt durch die trostlose Landschaft…

Ich kaufe ein.
Nichts Besonderes.
Was ich halt brauche für die beiden Tage…
Dort steht eine Frühlingsschale.
Pflanzenmix im Korbgeflecht.
Halber Preis.
Die Zwergnarzissen sind ein wenig verblüht.
Aber da ein paar Knospen, die nachkommen.
Die Primel liegt im Sterben.
Sie hat lange kein Wasser gehabt.
Unerschütterlich hingegen das Efeu.
Hellgrün und standfest…
Ich greife nach der Schale…
Wenigstens hat es zu regnen aufgehört.
So denke ich auf dem Heimweg.
Regen hat etwas Deprimierendes.
Zumindest im Winter…
Meine Wohnung empfängt mich mit fröhlichen Farben.
Orange.
Und Gelb.
Ich lächle leicht wehmütig.
Meine Wohnung sieht aus, wie ich gerne wäre.
Bunt.
Lebendig und fröhlich…

Ich setze die Frühlingsschale unter Wasser.
Schneide die welken Blüten ab.
Und stelle sie mitten auf den Esstisch.
Jetzt braucht sie einmal Zeit…
Wieder ein Kaffee.
Ich sollte nicht so viel essen.
Geht mir durch den Kopf.
Als ich mir zwei kleine Weißwürste koche.
Dann grinse ich über mich selbst.
Verrücktes Huhn!
Abnehmen kann zur fixen Idee werden.
Zumindest manchmal…
Nach dem Essen räume ich den Tisch ab.
Und wieder ein Kaffee.
Wenigstens ist er billig wie lange nicht…
Ich stehe am Fenster.
Trinke schluckweise Kaffee.
Und denke nach über mich.
Über mich und mein Leben…

Veränderungen können tiefe Gräben aufreißen.
Einmal mehr hat mir das Leben das bewiesen.
Manchmal passiert genau das.
Was man vermeiden möchte.
Weil es passieren muss…
Genau so.
Konflikte.
Krisen.
Und Leute die helfen wollen.
Und die mir doch nichts Gutes tun damit.
Es ist nicht Zeit für die Liebe.
Nicht jetzt.
Und wenn die Zeit kommt.
Dann finde ich ihn selbst…
Den Meinen…
Mancher will das nicht begreifen.
Oder manche…
Und das beschwert die Seele.
Wie ein Bleigewicht.
Eine Freundschaft zerstört.
Wie ein Bombenkrater.
Abgründe zwischen uns.
Die eine Schlucht zum Spalt degradieren.
Vergleichsweise.
Hilfe.
Schön und gut.
Aber wenn es die falsche Hilfe ist?
Ein Mensch mit Grippe braucht nun mal keinen Gips…

Ich bin nicht die, die ich sein will.
Aber damit muss ich leben.
Ich trinke meinen Kaffee aus.
Ein Lichtstreifen am Horizont.
Als versuchte die Sonne die Wolkenbank zu bewegen…
Manchmal versuche ich das auch.
Wolken verschieben.
Die auf meiner Seele liegen.
Und manchmal gelingt es mir…
Ich überlege.
Was ist meine größte Sorge im Moment?
Wenn ich ehrlich bin…
Die Schwierigkeiten letzten Herbst.
Sie haben tiefe Wunden gerissen.
Obwohl das ärgste Malheur vorüber scheint.
Endlich.
Aber es ist nicht mehr wie es wahr.
Die Wunden schmerzen noch immer.
Und es wird dauern.
Bis ich mich gefunden habe.
Irgendwann…
Nun stehe ich wieder vor der Frühlingsschale.
Und kann es kaum glauben.
Das sterbende Primelchen hat sich wieder aufgerichtet…

Vivienne/Gedankensplitter

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