Aufgedeckt

Manche Dinge.
Sie beschäftigen uns.
Lange und intensiv.
Wir versuchen sie zu klären.
Vergeblich.
Bis sie aus unserem Gedächtnis entfliehen.
Scheinbar.
Scheinbar für immer.
Bis…
Bis der Vorhang sich öffnet.
Und Erinnerung wiederkehrt.
Mit einem anderen Gesicht.
Mit dem Gesicht der Wahrheit…

Herbsttag.
Blassblauer Himmel.
Wolkenstreifen.
Die wie riesige Hände ins Blau greifen.
Die Sonne wärmt.
Bis ins Innerste…
Ich denke nach.
Eine Erinnerung.
Schwarzweiß verblasst.
Leuchtet plötzlich wieder.
In den schönsten Farben.
Lebendig…
Fünfzehn Jahre ist es her.
Eine Firma.
Hartes Brot.
Aber viel Spaß.
Spaß wie nie mehr wieder…
Der Lehrbub und ich.
Fast wie Mutter und Sohn.
So waren wir.
Freundschaft.
Und Vertrauen.
Wir redeten oft über Musik.
Und einmal.
Da borgte er mir eine CD.
Musik seiner Lieblingsband.
Ein großer Vertrauensbeweis.
Ich wusste es zu schätzen.

Manche.
Die lästerten über uns zwei.
Ein Liebespaar!
Lächerlich.
Ich war wie die große Schwester.
Und ich mochte ihn.
Auch wenn mir später klar wurde.
Dass er nicht so brav war.
Wie er immer tat.
Er schlug über die Stränge.
Bisweilen ganz ordentlich.
Das war die andere Seite…
Aber wir mochten uns.
Und ich ließ mich auf seine Lieblingsband ein.
Sie gefiel.
Aber an dem Tag.
An dem ich die CD zurückgeben wollte.
War er nicht da.
Krank.
Was tun?

Ein Kollege einer anderen Abteilung.
Er kannte den Burschen privat.
Wohnte im selben Ort.
Der Mann.
Ein Eigenbrötler.
Manchmal.
Da hatte ich das Gefühl.
Dass ich ihm gefiel.
Dass er mehr wollte…
Und dann wieder nicht.
Es war mir egal.
Ich war im begriff mein Herz zu verlieren.
An jemand ganz anderen…
Aber der Kollege.
Er fiel mir ein.
Und ich ging zu ihm.
Nach der Arbeit.
Und bat ihm.
Gib ihm doch die CD.
Mir wäre leichter.
Der Kollege.
Er sah mich verbissen an.
Er wollte nicht recht.
Aber dann nickte er.
Und ich ging wieder.
Erleichtert.

Das Verhältnis zu dem Lehrbuben.
Es bekam ab da Risse.
Er war distanzierter.
Ich wusste nicht warum.
Irgendwann einmal.
Die Frage nach der CD.
Aber die habe ich dir längst gegeben!
Sein ungläubiger Blick machte mich unsicher…
Aber ich begriff nicht.
Nein.
Bis neulich morgen.
Als ich aufwachte.
Und plötzlich.
Sah ich alles vor mir.
Ganz klar.
Als wäre es gestern erst gewesen.
Und nicht vor fünfzehn Jahren…
Der Kollege.
Dem ich die CD gegeben hatte.
Er hatte sie nie abgeliefert.
Gezielt.
Eifersucht auf den jungen Burschen.
Er war wohl wirklich verliebt gewesen.
In mich.
Und er erkannte die Chance.
Einen Keil zwischen uns zu treiben.
Und es gelang ihm wirklich…

So lange.
War die Wahrheit in mir gewesen.
So lange.
Bis sich die Fäden entwirrten.
Von selbst.
Es spielt keine Rolle mehr.
Der Kollege.
Er hat mich nicht bekommen.
Die andere Liebe scheiterte…
Und ich bin heute.
Wo ich bin.
Schließe das Buch der Erinnerung.
Und tauche ein.
In den herrlichen Herbsttag.
Hier und jetzt…

Vivienne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.